Anton Schlude:

Das Donau-Thal von Tuttlingen bis Sigmaringen

1858


Neidingen.


Hat sich der Fremde genugsam in der Ruine des alten Schlosses Hausen umgesehen, und stolpert den Berg wieder herab, so führt ihn die mit Bäumen besetzte Straße immer auf dem linken Ufer der Donau abwärts in den eine kleine halbe Stunde entfernten Weiler Neidingen, ein Filial der Pfarrei Hausen. Der obere Theil dieses Weilers liegt größtentheils in einer Bergschlucht, wo das Wildwasser fast alle 5-6 Jahre Häuser und Gärten mit Schutt und Geröll überschüttet. Es wurde schon in der Geschichte Wildensteins (Fußnote: Vor einigen Jahren bei Tappen in Sigmaringen erschienen) erwähnt, wie einst ein junges Ehepaar von der Hochzeit nach Hause kommend, den Weg in die Brautkammer zum obern Fenster hinein nehmen mußte, weil die untern Eingänge des Hauses mit Schutt verstopft waren.

Neidingen besteht in drei Theilen: Ober- und Unter-Neidingen und den fünf Steighäusern auf der Höhe des Berges an der Straße nach Stetten. Die 130 Einwohner nähren sich wie die von Hausen ausschließlich von Landwirthschaft. In der Gemarkung Neidingens befinden sich drei Burgruinen. Die erste tief in der wildesten Bergschlucht, Sichel genannt, hoch oben über dem Bergkamm Ramsberg, im Munde des Volkes Heidenschlößle geheißen. Weiter abwärts von Neidingen, auf einem etwas in?s Thal hervorspringenden Ausläufer, der größten Felsenmasse des ganzen Thales, die vom Fuße bis zum obern Rand 504 Fuß mißt und mehr als doppelt so lang eine Wand bildet, stund einst das Schloß Schaufels, wovon der Felsen noch jetzt seinen Namen hat. Dieser Burg gegenüber auf der rechten Seite der Donau auf der höchsten Spitze der dortigen Felsengruppe stund die Burg Langenfels. Von diesen 3 Burgen aber weiß die Geschichte nichts mehr zu melden; nur weniger Ueberreste von Mauern zeugen noch von ihrem frühern Dasein.

Das Merkwürdigste an Neidingen aber ist, daß hier einst eine Stadt gleichen Namens gestanden haben soll und zwar auf dem rechten Ufer der Donau auf einem mäßigen Hügel, Buchtbühl genannt, wo sich noch zum Beweise Mauerreste im Boden vorfinden; auch deuten einige Oeschnamen, wie z.B. Freithof u.s.w. darauf hin, daß die Sage nicht ganz aus der Luft gegriffen sein dürfte. Was dieser Sage noch mehr Wahrscheinlichkeit gibt, ist, daß in einer Karte aus dem 12. Jahrhundert dieses Neidingen als bedeutender Ort aufgezeichnet ist, indessen sämmtliche damals schon bestehende Dörfer als Stetten, Grünheinstetten u.s.w. nicht darin vorkommen. Ein weiterer Beweis ist, daß die Franzosen, als sie 1796 zuerst zu uns kamen, dieses Neidingen ebenfalls als Stadt in ihrer Karte aufgezeichnet fanden. Doch sei dem, wie ihm wolle, wir können hier nur Vermuthungen aussprechen, Gewißheit haben wir keine, da in keiner Urkunde davon Erwähnung geschieht.

An Geschichtlichem hat Neidingen nichts Wichtiges aufzuweisen. In seinem Lebensverband gehörte es zur Hälfte in die Herrschaft Hausen und zur andern zu Falkenstein d.h. zu Fürstenberg. Erst in den 30ger Jahren kaufte Langenstein von Fürstenberg die volle Lehensherrlichkeit über Neidingen ab.
 


Der Dichter Anton Schlude